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Literatur für Fortgeschrittene
Aus dem Briefwechsel
Jean-Paul Sartre / Maurice Merleau-Ponty
bis zum 18. Juli
Albergo Nazionale,
Piazza Montecitorio Roma
Mein lieber Merleau,
... Du wirfst mir vor, zu weit zu gehen, mich der KP zu sehr anzunähern.
Es ist möglich, daß Du in diesem Punkt recht und ich unrecht habe.
Aber ich werfe Dir, und zwar viel ernster, vor, unter Umständen, in
denen Du Dich als Mensch, als Franzose, als Bürger und als Intellektueller
entscheiden mußt, abzudanken, und dabei Deine "Philosophie" als Alibi
vorzuschieben. Denn Du bist kein Philosoph, Merleau, nicht mehr als
ich oder Jaspers (oder jeder andere). Man ist "Philosoph", wenn man
tot ist, und wenn die Nachwelt einen auf einige Bücher reduziert hat.
Zu unseren Lebzeiten sind wir Menschen, die unter anderem philosophische
Werke schreiben. Deine Antrittsvorlesung am Collège de France war
keineswegs überzeugend, wenn Du Dich mit ihr als Philosoph zu definieren
gedachtest: in diesem Sinne fehlte ihr alles. Und zuallererst diese
vorgängige Frage: ist etwas wie Philosophie möglich? Sie war bewundernswert,
wenn es nur um ein Selbstportrait des Malers ging. Oder auch um eine
Selbstrechtfertigung. Aber als solche genommen verbot sie Dir, über
Nicht-Philosophen zu urteilen. Es konnte sich nur um Zoologie handeln:
die Gattung "Philosoph" wurde beschrieben und bestimmt (vorausgesetzt,
man akzeptiert Deine Prämissen) und stand neben anderen Gattungen.
Zwischen ihnen schien die Kommunikation schwierig: am Ende Deiner
Ausführung streifst Du das Problem, aber meiner Ansicht nach hast
Du es nicht behandelt. Und schließlich erlaubte kein Wort Deiner Vorlesung
zu wissen, ob die "nachdenkliche Präsenz", von der Du sprachst, ein
zufälliges, historisches, pathologisches Merkmal oder im Gegenteil
eine grundlegende Wahl ist. Diese nachdenkliche Präsenz erkenne
ich nicht als meine; mein Dasein... wie wir sagen, ist nicht von dieser
Art. Das kann heißen, daß ich nicht Philosoph bin (was ich glaube),
oder daß es auch andere Weisen gibt, Philosoph zu sein. Es ist
also völlig unmöglich, wie Du es in dem Vortrag getan hast, den der
Express zusammenfaßt, meine Haltung zu kritisieren im Namen
dieser philosophischen Pseudoessenz, die meiner Ansicht nach nichts
als eine Extrapolation Deiner eigenen Psychologie und deren Projektion
auf das Gebiet der Werte und Prinzipien ist. Meine Folgerung: Deine
Haltung kann weder exemplarisch sein noch ist sie verteidigungswürdig;
sie ist das Ergebnis der puren Ausübung Deines Rechtes, für Dich das
zu wählen, was Dir am gemäßesten ist. ...
Schließe nicht daraus, daß ich meine Position nicht für kritisierbar
halte. Sie ist es sicher, und in jeder Hinsicht, allerdings unter
der Bedingung, daß die Standpunkte bereits politische sind,
das heißt, daß sie eine objektive Stellungnahme ausdrücken, die auf
objektiven Motiven begründet ist. ...
Paris, 8. Juli 1953
Lieber Sartre,
... Wenn man sich bei jedem Ereignis engagiert, als wäre es ein
Test für die Moralität, wenn Du, ohne dir dessen bewußt zu werden
oder ohne es Deinen Lesern zu sagen, eine Politik zur deinen machst,
verzichtest du leichten Herzens auf ein Recht der Korrektur,
auf das keine seriöse Aktion verzichtet, und vor allem nicht die
der kommunistischen Regierungen, die vielmehr noch als die anderen
fähig sind, ihre Entscheidungen zu korrigieren, und schließlich
findest Du Dich allein auf Positionen, die die Kommunisten aufgegeben
haben - was beweist, daß sie nicht die einzig möglichen für sie
waren und daß die nicht kommunistische Linke, indem sie es ablehnte,
militärische Aktionen zu rechtfertigen, ihre Rolle spielte, die
darin besteht, eine Politik der Entspannung zu fördern. Noch einmal:
wenn Du sagst, wir haben uns nicht um den Aspekt zu kümmern, den
die Ereignisse in den Augen des Antikommunisten annehmen, und daß
das das Spiel der Reaktionäre spielen heißt, dann beseitigst
du in Gedanken die kapitalistische Welt und handelst nicht für die
Koexistenz. Deshalb habe ich mehrfach angeregt, in der Zeitschrift
keine übereilten Positionen einzunehmen, sondern Überblicksstudien
zu veröffentlichen, kurz: eher auf den Kopf als auf das Herz des
Lesers zu zielen, was außerdem eher unsere Art und die der Zeitschrift
ist. Ich erblickte darin eine Aktion des Schriftstellers, die darin
besteht, zwischen dem Ereignis und der Generallinie hin und her
zu gehen, und nicht (im Imaginären) jedes Ereignis so anzugehen,
als wäre es entscheidend, einzig und unwiederholbar. Diese Methode
steht der Politik näher als Deine Methode des kontinuierlichen
Engagements (im kartesischen Sinne). Und sie ist eben darin
auch philosophischer, weil der Abstand, den sie zwischen dem Ereignis
und dem Urteil bewahrt, dazu führt, daß man der Falle des Ereignisses
entgeht und seinen Sinn klar hervorhebt. Ich brauchte also in keiner
Weise die Philosophie von der Welt zu trennen, um Philosoph zu bleiben
- und ich habe es nie getan. Du mußt die Eröffnungsvorlesung, von
der Du sprichst, mit sehr viel Voreingenommenheit gehört haben,
um sie so zu verstehen, wie du es tatst. Ich habe bewußt über Sokrates
gesprochen, um zu zeigen, daß der Philosoph kein Hersteller von
Büchern ist, sondern sich in der Welt befindet. Ich habe jene angegriffen,
die die Philosophie außerhalb der Zeit stellen, und ich habe so
wenig aus ihr ein Alibi gemacht, daß Du in dem Text, den
ich Dir schicke, u.a. lesen kannst: "Das philosophisch Absolute
sitzt nirgends, es ist also niemals woanders, es ist in jedem Ereignis
zu verteidigen..." 1 Da ich zu
Beginn einer Vorlesungsreihe über Philosophie zu sprechen hatte,
war es, denke ich, legitim, induktiv einige empirische Fälle von
"Philosophen" zu konsultieren. Ich fand ihren gemeinsamen Zug im
Äquivoken, und ich kann mir nicht vorstellen, daß Du diesen Punkt
infragestellen könntest, wenn Du die Geschichte der Philosophen
und ihrer Possen betrachtest. Ich habe jedoch versucht zu sagen,
daß das Äquivoke die schlechte Philosophie ist, und daß die gute
Philosophie eine gesunde Ambiguität ist, da sie die prinzipielle
Übereinstimmung und die faktische Diskordanz des Selbst, der anderen
und des Wahren feststellt, und die Geduld ist, die all dies recht
und schlecht zusammengehen läßt. Ich sagte, so verstanden, ist sie
vielleicht dem Berufspolitiker fremd
2 , jedoch nicht den Menschen. (Ironie der Dinge: ich dachte,
als ich diese Worte schrieb, an Deine Rede vom Vel d'Hiv', die Suzou
gehört hatte, während ich mit meiner Mutter in Menton war, und von
der sie mir berichtete, daß sie das Publikum um so mehr berührt
hatte, als es eine gefährliche, in der Politik ungewöhnliche Freiheit
spüren konnte). Von dieser Philosophie muß man nicht den Nachweis
erbringen, daß sie möglich ist, da sie der Mensch selbst als paradoxales,
verkörpertes und soziales Wesen ist. Wäre sie es nicht, gäbe es
nichts zu sagen, noch zu tun, gäbe es nichts Gültiges, und alles
wäre gleichgültig. Du fragst mich, ob das eine grundlegende Wahl
ist: es ist viel mehr als eine Wahl, es ist das, was sie alle möglich
macht, es ist die Tatsache des menschlichen Lebens selbst, zu dem
wir, wie Du sagst, "verurteilt" sind. Hier ist weder eine Essenz
des Philosophen, noch ein Mythos, noch ein rechtfertigendes Phantasma,
und ich denke nicht, daß diese Ideen sich auf mich beschränken,
noch das sie Dir so fremd sind. Das sich dies bei mir in eine nachdenkliche
Präsenz verwandelt, ist die Konsequenz bei manchen, die angesichts
der Schwierigkeit, alles zusammengehen zu lassen, dazu neigen, sich
in ihr Gehäuse zurückzuziehen. Bei anderen, wie bei Dir, provoziert
die Schwierigkeit eher einen Ausbruch an Bejahung, und sie werfen
sich nach vorn, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich zweifle jedoch
nicht daran, daß sie derselbe Stachel quält, und man müßte, wollte
man daran zweifeln, alles vergessen, was du geschrieben hast, das
heißt alles, was Du bis auf Widerruf bist, in jedem Fall all das,
was dazu führt, daß man auf dich hört.
1 Wie Du siehst,
übertrieben die letzten Worte in Deinem Sinne.
2 Wenigstens offiziell. Als ich zu den
Studenten sprach, zitierte ich das Wort von Lenin, das Gorki überlieferte,
wo er sich über Musiker äußert, daß man jedoch auch auf die Literatur
und die Philosophie anwenden kann: ...ich kann nicht oft Musik hören,
sie geht mir auf die Nerven, man bekommt Lust, liebenswerte Dummheiten
zu sagen und die Köpfe der Leute zu streicheln, die in einer Hölle
leben und zugleich eine solche Schönheit schaffen können. Es ist
jedoch unmöglich, heute den Kopf von irgend jemand zu streicheln,
er würde mit einem Biß die Hand abbeißen. Man muß auf die Köpfe
schlagen, ohne Mitleid schlagen, obwohl wir in theoretischer Hinsicht
gegen jede Gewalt sind. Mmh! Mmh! Eine teuflisch schwere Funktion.
Ich mag dieses offene Geständnis einer Divergenz, die keine Feindseligkeit
ist.
Quelle: Sartre / Merleau-Ponty,
Ein Briefwechsel, in: Rowohlt Literaturmagazin 34
Literaturangaben
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