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Lesebericht. Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage

Jean-Paul Sartre (1905-1980) hat das Manuskript Überlegungen zur Judenfrage im Oktober 1944 geschrieben. Anlässe, wie den Anschlag in Halle am 9. Oktober 2019, gibt es leider wieder genügend, um es heute noch einmal zu lesen. Der Anfang dieses Manuskripts, das „Porträt des Antisemiten“, wurde im Oktober 1944 in Les Temps Modernes gedruckt, bevor das ganze Buch 1946 erschien.

Sartres Überlegungen zur Judenfrage sind als psychologische Analyse des Antisemiten auch heute ein äußerst wichtiger Beitrag, um unser Bewusstsein zu schärfen, mit dem wir dem dumpfen und zugleich so gefährlichen Antisemitismus, der sich zuletzt in Deutschland mit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle gezeigt hat, entschlossener denn je entgegentreten müssen.

Die von Vincent von Wroblewsky, dem Präsidenten der Sartre Gesellschaft, vorgelegte deutsche Übersetzung enthält viele weitere Texte, Artikel, Reden Sartres und Interviews mit ihm zu diesem Thema.

Die Überlegungen zur Judenfrage (1) sind in vier Abschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt untersucht Sartre die Haltung des Antisemiten. Wenn jemand das Unglück des Landes oder sein eigenes Unglück Juden zuschiebe und gar noch ihre Rechte einschränken, sie des Landes verweisen oder sie gar ausrotten wolle, sage man, er habe antisemitische Meinungen. Der Antisemit nehme die Meinungsfreiheit in Anspruch, um sich gegen die Juden zu wenden. Das bestreitet Sartre, eine solche Meinung sei nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Der Antisemitismus sei keine Denkweise, er sei eine Leidenschaft. Es folgt eine Reihe von Beispielsituationen, in denen die kritische Einstellung zu Juden untersucht wird.


France-Culture, 29.2.2016
> L’antisémitisme (1/4). Réflexions sur la question juive de Sartre:
“L’antisémitisme n’est pas un problème juif : c’est notre problème”; “Si le Juif n’existait pas, l’antisémite l’inventerait” écrit Sartre dans ses Réflexions sur la question juive. Questions d’une étonnante actualité, posées par Sartre et présentées par Hadi Rizk.


Auch der Blick in die Geschichte vermittelt keinen weiteren Aufschluss. Bis 1789 wurden die Juden unterdrückt, danach partizipierten sie am Leben der Nation, ohne durch Verrat o. ä. aufzufallen. Bleibt nur zu beobachten, dass lediglich die Idee oder die Auffassung, die man von Juden hat, ihre historische Stellung bestimmen. Der Antisemitismus sei eine freie und totale Wahl, eine Haltung, die man den Juden gegenüber einnehme. Diese Merkmale gleichen sich bei den Antisemiten, bilden eine „synkretische Totalität“. Die Wahl, Antisemit zu sein, bedeute auch, den Hass zu wählen. Sie sind sich ihrer Sache gewiss; Zweifel lässt der Antisemit nicht zu. Er kann nicht allein sein. Ihm reicht das Mittelmaß, die Intelligenz wird den Juden überlassen. Zugleich entwickelt der Antisemit einen Drang nach Gleichheit, die ihm hilft, Differenzierungen zu meiden. Allein kann der Antisemit nicht handeln. Er nimmt politische Unordnung in Kauf und gibt damit zugleich jede Verantwortung auf.

Der letzte Abschnitt resümiert seine Analyse und unterstreicht den so notwendigen Kampf gegen den Antisemitismus. Heute aktueller denn je.

Vererbung oder Rasse als Erklärung für das Judentum sind für Sartre „nichts anderes als ein dünnes wissenschaftliches Mäntelchen für diese primitive Überzeugung“ (S. 26) Wie solle denn ein reicher jüdischer Händler den Ruin seines Landes wünschen? Oder wie wolle man arme Juden für den Weltkapitalismus verantwortlich machen? Der Antisemit sieht im Juden nur das Böse: „Zerstörer aus Berufung, Sadist reinen Herzens, ist der Antisemit in der Tiefe seines Herzens ein Verbrecher. Was er wünscht, ist der Tod des Juden.“ (S. 33) Und Sartre fügt hinzu: „Der Antisemit hat ein gutes Gewissen: er ist Verbrecher aus guter Absicht.“ (ib.) Er tut „das Böse für das Gute.“ (ib.) Mit dieser Umkehrung aller Werte unterstreicht Sartre das Perfide im Antisemiten. [… ] Bitte weiterlesen.

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