Universität Wien: Workshop – Sartres Flaubert lesen – 1.-2. Juli 2017

Workshop – Sartres Flaubert lesen
Zeit: 1.-2. Juli 2017 Uhrzeit: jeweils von 10-18 Uhr
Ort: Universität Wien, Universitätsstraße 7 (NIG), 1010 Wien, Institut für Philosophie, 3. Stock, Seminarraum 3a.
Leitung: Dr. Helma Riefenthaler, PD Dr. Jens Bonnemann

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Am Wochenende des 1.-2. Juli 2017 findet an der Universität Wien ein Sartre-Workshop unter der Leitung von Dr. Helma Riefenthaler und PD Dr. Jens Bonnemann (Sartre- Gesellschaft e. V.) statt. In Jean-Paul Sartres letztem Werk Der Idiot der Familie (1971/72) wird auf fast dreitausend Seiten am Beispiel von Gustav Flaubert der Frage nachgegangen, was man heutzutage von einem einzelnen Menschen wissen kann. Sartre will jede Einseitigkeit vermeiden, indem er den Menschen weder auf seine Subjektivität noch auf seine Objektivität, weder auf seine persönlichen Entwürfe noch auf seine gesellschaftlichhistorische Verankerung reduzieren will. Was Sartre interessiert, ist also weder das Individuum noch die Gesellschaft, sondern das Individuum in der Gesellschaft. Daraus ergibt sich in Auseinandersetzung mit Kierkegaard und Marx, Freud und Heidegger die Frage: Wie muss eine Hermeneutik vorgehen, die nicht nur wissen will, was die Welt aus einem
Menschen gemacht hat, sondern auch, was diesem Menschen aus dem zu machen gelingt, wozu die Welt ihn gemacht hat. Kurz, wie kann ich die Freiheit eines anderen Menschen verstehen? Sartre, der von sich selbst sagt, er sei getrieben von der Leidenschaft, die Menschen zu verstehen, analysiert in Der Idiot der Familie den Werdegang eines imaginären Menschen, der vor der Kontingenz des Realen in die Sphäre der Kunst flüchtet. Ausführlich erläutert er im Blick auf die historische Situation, warum sich jemand entweder für ein praktisches reales oder für ein passives imaginäres Leben entscheidet.

Aber es geht hierin nicht nur um eine besondere Dichterbiographie, denn letztendlich ist Der Idiot der Familie auch ein philosophisches Buch, das sich in vielerlei Hinsicht als Summe von Sartres bisherigen theoretischen Arbeiten begreifen lässt: Weiterentwickelt wird in diesem Text die Phänomenologie der Einbildungskraft aus Das Imaginäre (1940), die literarische Ästhetik aus Was ist Literatur? (1947) sowie die Intersubjektivitätstheorie aus Das Sein und das Nichts (1943). Vor allem findet sich in Der Idiot der Familie auch eine deutliche Revision des frühen existentialistischen Subjektbegriffs, insofern der Andere nun nicht mehr nur meine Objektivität – mein Für-Andere-sein –, sondern auch meine Subjektivität – mein Für-sich-sein – konstituiert.

Schließlich ist die Flaubert-Studie aber auch ein sehr persönliches Werk: Denn im letzten Band rekonstruiert Sartre schließlich einen literarischen Produktionshorizont, dem auch noch sein eigenes – literarisches wie philosophisches – Frühwerk verpflichtet ist. Wenn Roquentin, die Hauptfigur aus Sartres Romanerstling Der Ekel (1938), das Leben der Kunst opfern will, dann folgt er damit einem ästhetizistischen Programm, das in Sartres Autobiographie Die Wörter (1964) als eine Kunstneurose durchschaut und im letzten Teil von Der Idiot der Familie akribisch analysiert wird. Damit trifft auf Sartre jenes Wort von Merleau-Ponty zu, dass das Ende einer Philosophie die Erzählung ihres Anfangs ist.

Im Workshop werden ausgewählte Textpassagen aus der Flaubert-Studie gelesen und diskutiert. Es wird um eine verbindliche Anmeldung bis zum 21. Juni gebeten. Die Teilnahme ist frei und auf maximal 30 Teilnehmer begrenzt. Interessenten melden sich bitte per Mail an: jens.bonnemann@uni-jena.de

Rezension: Hans-Martin Schönherr-Mann: Gewalt, Macht, individueller Widerstand. Staatsverständnisse im Existentialismus

Hans-Martin Schönherr-Mann: Gewalt, Macht, individueller Widerstand.
Staatsverständnisse im Existentialismus. Nomos: Baden-Baden 2015.

Es ist sehr lesenswert, Hans-Martin Schönherr-Manns Buch mit dem Titel Gewalt, Macht, individueller
Widerstand. Erschienen ist es im Nomos-Verlag in der von Rüdiger Voigt herausgegebenen Reihe
Staatsverständnisse. Dem Untertitel des Buches entsprechend setzt sich Schönherr-Mann in diesem
Werk mit den Staatsverständnissen des Existentialismus auseinander. Schönherr-Mann ist Professor
für Politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und kann in seiner Literaturliste nicht nur Veröffentlichungen zu verschiedenen Themen der politischen Philosophie vorweisen,
sondern auch solche über Sartre, Camus, Beauvoir, Arendt und Nietzsche.
Im Zentrum des Buches stehen die politischen Philosophien der französischen Existentialisten, d.h.
Jean-Paul Sartres, Albert Camus’, Maurice Merleau-Pontys und Simone de Beauvoirs. Wie schon die
Subsumption von Camus und Merleau-Ponty unter den Begriff des Existentialismus nahelegt, definiert
Schönherr-Mann den Begriff „Existentialismus“ eher im weiten angelsächsischen Sinne, im Sinne von
Existenzphilosophie. Grundlegend ist seine Differenzierung zwischen emanzipatorischem Existentialismus und dem religiös-metaphysischen Existentialismus, zu dessen Vertretern er Gabriel Marcel und
Karl Jaspers zählt. Mit dem neuen Terminus „emanzipatorischer Existentialismus“, dem er Sartre,
Camus, Merleau-Ponty und Beauvoir zuordnet, ist Schönherr-Mann die Prägung eines Begriffs gelungen, der durchaus Chancen besitzt, sich durchzusetzen. … > Bitte weiterlesen *.Pdf

Alfred Betschart

Dowoad: > Schönherr-Mann – Gewalt, Macht, individueller Widerstand *.Pdf